Die Geschichten, die ich als Arbeitswelt-Seelsorger und Mobbingberater höre, sind erschütternd:
Der Sohn des Firmeninhabers nötigt den Platzwart regelmäßig, das Auto binnen kürzester Zeit zu waschen. Der verwöhnte Junior nutzt aus, dass der altgediente Mitarbeiter schon lange Sorge um seinen Arbeitsplatz hat.
„Kollegen“ füttern den Wachhund mit Essensresten krank. Als der für das Tier verantwortliche Kollege unter Tränen erzählt, dass er kurz vor dem Rausschmiss steht, lachen sie nur.
Ein Pastor verlangt von der 60jährigen Küsterin, dass sie die Kerzen am sieben Meter hohen Weihnachtsbaum allein anzündet. Er hält sie schon lange für nicht mehr ausreichend belastbar und will sie das zu Heiligabend spüren lassen.
Die junge Abteilungsleiterin bei der Polizei degradiert die unkündbare Schreibkraft systematisch und beschimpft sie schreiend immer wieder als „Altlast“.
Der Hausmeister eines Krankenhauses wird mit Arbeit überschüttet. Jeder darf ihn unter Druck setzen.
Die kroatische Auszubildende in einer Großküche wird mit feindlichen Bemerkungen belästigt und mit ausschließlich niedrigsten Arbeiten traktiert.
In einer Beratung sagt mir eine Frau unter Tränen: “Wissen Sie, Herr Pastor, man hat mich noch nicht geschlagen. Sonst hat man alles mit mir gemacht.“
Druck und psychische Gewalt sind sog. „Jedermanns-Ressourcen“. Das heißt, sie setzen weder kulturelles noch ökonomisches Kapital voraus. Sie herrschen, wo Menschen entmündigt, entwürdigt oder entfernt werden sollen. Über solche Gewalt am Arbeitsplatz spricht man nicht gerne. „Mobbing“ macht Betroffene, Kollegen und Führungskräfte oft stumm. Führungskräfte reagieren hilflos. Die Opfer leiden im Verborgenen. Irgendwann geben Seele oder Körper auf. Sie melden sich krank. Oft für lange Zeit. Hat der Schlag ins Gesicht in der Regel strafrechtliche Folgen, so lässt der Schlag auf die Seele die Gesellschaft merkwürdig zögern. Es fehlt vielfach an ziviler Kultur gegen diese Formen von Gewalt. Es gibt keine Organisation, in der solche Gewalt ausgeschlossen wäre. Ob Industriebetrieb, kirchliche Einrichtung oder staatliche Behörde – Gewalt ist überall billig: billig zu haben und billig einzusetzen. Dabei ist sie böswillig, aggressiv und destruktiv. Sie ist Ausdruck dessen, was passieren kann, wenn Kollegialität nicht gepflegt wird. Man spricht dann von der Entstrukturierung des Sozialen“. Gewalt-Voyeure und passive Leitungsinstanzen sind die Treiber solcher Entsolidarisierung.
Aufmerksame Betriebs- und Personalräte, ansprechbare Kolleginnen und Kollegen und präsentes Führungspersonal gehören dagegen zu jenem Sozialkapital, das solcher Gewalt Einhalt gebieten kann.
Arbeitgeber stehen beim Schutz ihrer Mitarbeitenden gesetzlich in der Pflicht. In gut geführten Unternehmen wird man darüber hinaus Strategien gegen die heimlichen Formen von Gewalt entwickeln. Solche Strategien wirken, wo sie vorbeugend angelegt sind. Aktive Solidarität der Kollegen beginnt mit einfachen Fragen: Gibt es in unserem Betrieb psychische Gewalt? Was habe ich beobachtet? Was kann ich tun, um zu helfen? Bin ich ein helfender Kollege oder Mittäter? Braucht jemand jetzt und heute eine Hilfe? 800 000 Menschen sind derzeit in Deutschland von Gewalt am Arbeitsplatz betroffen. Sie warten auf unseren kollegialen Beistand.
Autor: Rolf Adler, Pastor, Betriebswirt
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Eine Publikation des Hauses kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Kooperation mit den Landeskirchen Sachsens und Württembergs sowie der Ev. Kirche in Mitteldeutschland.
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