Evangelisch - lutherischer Kirchenkreis Wolfsburg
Kirche Wolfsburg

Ephoralbericht 2010 von Superintendent Hans-Joachim Lenke


vom 17.05.2010

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

der jährliche Ephoralbericht ist der Rechenschaftsbericht des Superintendenten. Themenkomplexe und Fragestellungen, die im Laufe des Berichtszeitraumes den Kirchenkreisvorstand, mit ihm aber häufig ja auch die Gemeinden beschäftigt haben, werden noch einmal in den Gesamtzusammenhang gestellt und bewertet. Geistliche Themen spielen genauso eine Rolle wie gesellschaftliche oder sozialpolitische Fragestellungen.

Aktuell steht die öffentliche Wahrnehmung von Kirche unter einem großen Schatten. Die zahlreichen Missbrauchsfälle, die in den letzten Monaten ans Licht gekommen sind, erschüttern das Vertrauen, das Menschen ganz allgemein in die Institution Kirche gesetzt haben.
Viele Zeitgenossen differenzieren nicht, ob es sich primär um ein katholisches oder evangelisches Problem handelt. Für sie ist Kirche an sich durch die Vorfälle, aber auch durch die schon sehr eigenwillige Praxis der Aufarbeitung diskreditiert. Ein klärendes Wort, eine Entschuldigung ohne Wenn und Aber und eine selbstverständliche Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden sind meines Erachtens zwingende Voraussetzung, um weiteren Schaden von den Kirchen abzuwenden. Allerdings wäre es fahrlässig zu behaupten, dass es die Missbauchsproblematik nur in der katholischen Kirche gibt. Deshalb wird unsere Landeskirche eine Hotline einrichten, die einen niedrigen Zugang zu kompetenten Gesprächspartnern außerhalb von Gemeinde und Kirchenkreis eröffnet. Für uns als evangelische Kirche gilt es, hohe Maßstäbe an ehren- und hauptamtlich im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit tätige Menschen anzulegen. Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um weitestgehend sicherstellen zu können, dass Kinder, die uns von ihren Eltern anvertraut werden, geschützt, gefördert und nicht missbraucht werden. Wir werden künftig erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse von in der Kinder- und Jugendarbeit Tätigen einfordern. Auch vagem Verdacht ist energisch nachzugehen – um Klarheit zu haben, sowohl für den Verdächtigten als auch für das potentielle Opfer. Eine konstruktive Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft und Polizei ist hierbei zwingend notwendig, da wir als Verantwortliche in Gemeinden und Kirchenkreis uns mit dem Führen eigenständiger Ermittlungen maßlos verheben. Ermittlungen müssen ebenso professionell wie einfühlsam geführt werden, um potentielle Opfer nicht noch weiter zu schädigen. Ich habe großes Vertrauen in die in unseren Rechtsstaat für solche Aufgaben verantwortlichen Behörden. Sie möchte ich sehr bitten, in Ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen die Kinder- und Jugendarbeit mit wachen Sinnen zu begleiten und bei der Auswahl haupt- und ehrenamtlich Tätiger das große Thema des umfassenden Schutzes von Kindern und Jugendlichen im Blick zu behalten.

Schauen wir uns die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Gemeinden und Kirchenkreis an, sehen wir eine äußerst positive Entwicklung. Der Konvent der hauptamtlich Mitarbeitenden hat sich vor zwei Jahren intensiv mit diesem kirchlichen Handlungsfeld auseinander gesetzt.
Neue Strukturen wie die Jugend AG wurden genauso etabliert wie die Einsicht Raum griff, dass nicht jede Kirchengemeinde eine gelingende Kinder- und Jugendarbeit aufbauen kann und muss. Klar ist aber, dass dann zu den Angeboten in der Nachbarschaft eingeladen wird und man sich an gelingender Arbeit dort herzhaft mitfreut. Letzteres ist eine Kultur, die durchaus noch ausgebaut werden kann! Der unterschiedlichen Verteilung unterschiedlicher
Gaben soll so genauso Rechnung getragen werden wie der schon statistisch sehr unterschiedlichen Anzahl junger Menschen in den einzelnen Gemeinden. Eine wichtige Grundentscheidung war die Stärkung des Kirchenkreisjugenddienstes. Es erfüllt mich mit großer Freude, dass Frau Kahla gemeinsam mit Herrn Probst als Kirchenkreisjugendpastor, unterstützt von der Jugend AG, in den letzten Monaten eine ganze Reihe von gelungenen Veranstaltungen konzipiert, zum Teil schon durchgeführt hat und sich in der heißen Phase der Planung für das Konfi-Camp, das in der Zeit vom 24.-27.06.2010 mit rund 400 jungen Menschen in Almke stattfinden wird, befindet.

Verbunden mit der Aufstockung der Stelle war die Suche nach einem Standort, der gute Bedingungen für den Kirchenkreisjugenddienst bietet. In der Stephanusgemeinde, die seit vielen Jahren eine sehr gute Konfirmandenarbeit praktiziert und den unteren Bereich des Gemeindehauses diesem Aufgabenfeld zur Verfügung gestellt hat, ist der Kirchenkreisjugenddienst ausgezeichnet aufgehoben. Die Stephanuskirche eignet sich auf Grund ihrer flexiblen Bestuhlung hervorragend für Jugendgottesdienste. Die Infrastruktur des Jugendbereiches lässt sogar Übernachtungen in Gemeindehaus zu. Das hilft, die Kosten für die Teilnehmenden niedrig zu halten. Ich danke der Stephanusgemeinde ausdrücklich, dass sie sich auf dieses Experiment eingelassen hat und wir nun gemeinsam erleben können, wie Gemeinde und Kirchenkreisjugendarbeit sich gegenseitig befruchten. Die erfolgreiche Arbeit gibt es natürlich nicht umsonst. Das gilt nicht nur für die Nutzung und Bewirtschaftung der Räumlichkeiten, sondern genauso für die zahlreichen Projekte und Schulungen. Sprich: Der KKJD braucht einen deutlich höheren Sach- und Personalkostenetat. Ich finde, das ist gut angelegtes Geld, das indirekt auch den Gemeinden zu Gute kommt.

In den Berichtszeitraum fällt die Umsetzung der neuen Trägerstruktur für unsere Kindertagesstätten. Natürlich ist eine solche Umstellung ein Kraftakt, der insbesondere die Leitungen und die Verwaltung sowie Frau Heidbrock als Pädagogische Leitung fordert. Klar ist auch, dass bei einer solch gravierenden Umstellung nicht alles sogleich perfekt läuft. Da holpert es in Prozessen. Da stellt man fest, dass es vollkommen unterschiedliche Vorgehensweisen für vergleichbare Vorgänge gibt, wie z. B. die Urlaubsplanung und das Führen entsprechend verlässlicher Karteien. Ich bin froh, dass alle Gemeinden sich diesem Modell angeschlossen haben. Vieles ist einfacher geworden, da Frau Heidbrock in der Regel Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um das KiTa Thema ist. Das gilt inner-, aber auch außerkirchlich. Da sind wir schneller und schlanker geworden, was auch von außen deutlich wahrgenommen wird.

So konnten wir die Küchenbetriebe neu strukturieren, da diese durch die Aufgabe der Horte in der Breite defizitär geworden sind. Insgesamt gilt: Eine zunehmende Verrechtlichung unseres Lebens mit Auflagen, die für kleinere Einheiten kaum erfüllbar sind, macht das Arbeiten nicht unbedingt einfacher. Es ist schon skurril, wenn Fettabscheider gefordert und eingebaut werden, die Reinigungsfirmen dann aber etwas ratlos das spärlich vorhandene Fett absaugen, was häufig für mehrere Tage zu einer ausgesprochen unangenehmen Geruchsbelastung in den Kitas führt. Mittlerweile brauchen vermutlich selbst unsere kleinen Küchenbetriebe eine EU Zulassung, die, so steht zu befürchten, wiederum an neuerliche Auflagen gebunden sein wird. Eine Politik mit Augenmaß, die unterscheidet, ob es sich um Großküchen oder um Küchen mit 100 Kinderportionen handelt, würde Kosten minimieren und kurze Wege weiterhin ermöglichen.

Deutlich geworden ist, dass sich die neue Trägerstruktur ebenfalls im Blick auf die Flexibilität beim Einsatz der Mitarbeitenden bewährt. Mit der MAV haben wir ja vereinbart, dass Versetzungen nicht willkürlich vorgenommen werden. Daran werden wir uns halten. Gleichwohl braucht es von Mitarbeitenden auch die Bereitschaft, um des Wohles vielleicht nicht nur der eigenen Einrichtung willen mal in einer anderen Kita zu arbeiten. Insgesamt wünsche ich mir flexible Mitarbeiter, die auch neugierig auf die Praxis in einer anderen Kita sind und so den eigenen Horizont weiten.

Durchaus holprig, gleichwohl verheißungsvoll angelaufen ist die Partnerschaft zwischen Kirchenkreis, Kirchengemeinden und fünf Grundschulen im Bereich des Ganztagsschulprogramms. Ehmen wird nach den Sommerferien noch hinzukommen. Frau Schütt als Koordinatorin hat sich dieser Herkulesaufgabe gestellt – nicht ohne, weil ja nicht einfach der Nachmittagsbetrieb an den Schulbetrieb angedockt werden soll, sondern es um gemeinsame Fortentwicklung der Schule an sich geht. Wie bei allen Veränderungsprozessen geht es auch nicht ohne Verunsicherungen und Blockaden bei allen Beteiligten ab. Es ist gut, dass und wie Frau Schütt dieses nicht einfache Feld beackert!

Ein Thema, das den Kirchenkreisvorstand in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt hat, ist die Zusammenlegen der Kirchenkreisämter Gifhorn, Peine, Wittingen und Wolfsburg. Der Kirchenkreis Peine hat sich bisher einer konstruktiven Zusammenarbeit verweigert. Mittlerweile ist klar, dass die Fusion zu einem gemeinsamen Kirchenamt in zwei Schritten erfolgen wird. Ich bin sehr froh, dass die Kirchenkreise Gifhorn, Wittingen und Wolfsburg das Heft des Handelns wieder in die Hand genommen und nicht, wie das Kaninchen auf die Schlange, nach Peine gestarrt haben. Uns ist deutlich geworden, dass wir alle Prozesse auf 2013 als Starttermin für ein gemeinsames Amt abgestimmt haben. Das gilt sowohl für die Fusion mit dem Kirchenkreis Wittingen wie auch für die Nachnutzung des Kirchenkreisamtes in Wolfsburg. Die drei genannten Kirchenkreise haben sich deshalb darauf verständigt, 2013 als Fusionstermin beizubehalten. Da Fusionen und die Bewältigung der Folgen nicht Primäraufgabe der Verwaltung sind, kann das Amt Peine nicht vor 2018 dem gemeinsamen Kirchenamt beitreten. Die Amtsleitungen sind intensiv dabei, die Strukturfragen und die Besetzung der Stellen zu reflektieren. Ein vorläufiger Kirchenamtsausschuss wird sich in Bälde konstituieren, um die Frage eines Standortes genauso zu klären wie das Verfahren zur Besetzung der Leitungsstellen. Klar ist: Mehrkosten, die durch einen Anbau oder dem späten Beitritt der Kirchenkreisamtsmitarbeiter aus Peine geschuldeten höheren Personalkosten entstehen, müssen von Peine getragen werden. Das wird die Gespräche nicht gerade vereinfachen.
Es kann aber nicht sein, dass sich ein Kirchenkreis verweigert und die Planungen der anderen dadurch blockiert und konterkariert und letztlich die daraus entstehenden Mehrkosten auch noch solidarisch verteilt werden.

Ein Kraftakt erster Güte war der Umbau des Gemeindehauses an der Christuskirche zum Haus der Kirche. Kirchenkreisdienste ebenso wie landeskirchliche Einrichtungen arbeiten dort konstruktiv zusammen. Kurze Wege erleichtern die Abstimmung und helfen, gemeinsame Projekte zu generieren und durchzuführen. Ich habe den Eindruck, dass die anfänglichen Widerstände insbesondere aus den Reihen der Fabi einer breiten Zustimmung zu Räumen mit hoher Qualität und zeitgemäßer technischer Ausstattung gewichen sind. Innen sind die Arbeiten abgeschlossen. Am 17. November 2009 wurde das feierlich eröffnet. Die Gestaltung der Außenanlagen erfolgt nun. Mit dem Umzug der Fabi in das Haus der Kirche ist die Verlegung der Superintendentur mit Büro und Pfarrdienstwohnung auf den Campus an der Christuskirche möglich geworden. Am 23. März erfolgte auch hier der Einzug. Sehr gute Büroräume, die auch Besprechungen Raum bieten, sind hier ebenso entstanden wie eine schöne Pfarrdienstwohnung. Das Gebäude in der Laagbergstraße 46 a ist damit frei
geworden und kann einer nichtkirchlichen Nachnutzung zugeführt werden. Nach wie vor gilt,
dass die Verringerung des Gebäudebestandes eine entscheidende Zukunftsaufgabe ist.

Um diesen Prozess weiter voranzutreiben, braucht es gelingende Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden. Schon im letzten Bericht habe ich meinen Eindruck wieder gegeben, dass sich die Zusammenarbeit in den Nachbarschaften etabliert und bewährt. Einen großen Schritt aufeinander zu haben in den letzten Monaten die Kirchenvorstände der Kirchengemeinden St. Marien und St. Thomas gemacht. Nahezu mustergültig hat man versucht, im Prozess der Verständigung Gewinner und Verlierer zu vermeiden. Ich halte den gefundenen Kompromiss für zukunftsweisend: Kirche und Pfarrhaus St. Marien sind aufgrund des hohen denkmalpflegerischen Wertes gesetzt. Das Gemeindehaus einer künftigen Nordstadtgemeinde wird deshalb das Thomashaus sein. So bringen beide Partner in das gemeinsame Neue wichtiges aus der gemeindlichen Geschichte ein und ermöglichen einen konstruktiven Neubeginn. Ich hoffe, dass es nun gelingt, eine gute Nachnutzung für das Gemeindehaus St. Marien zu finden und mit den frei werdenden Mitteln das Thomashaus zu sanieren und so auch dort attraktive und zeitgemäße Räumlichkeiten zu schaffen.

Nötig ist der Prozess der Verringerung des Gebäudebestandes, weil Kirche nach wie vor
Mitglieder verliert. Das gilt auch für den Kirchenkreis Wolfsburg: Am 31.12.2004 hatten wir 48.146 Gemeindeglieder, am 31.12.2009 waren es 44.228 Gemeindeglieder, also 3918 weniger in 5 Jahren. Das sind 8,1 %, 1,6 % pro Jahr. Austritte in dieser Zeit gab es 2.306, Eintritte 541, also 1.765 im Saldo. Aber, es gab 3.408 Sterbefälle.
Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass unsere Landeskirche offensichtlich nicht
im Stande ist, ein Programm vorzuhalten, in dem die Anzahl der Taufen im gleichen Zeitraum sich schnell und einfach ermitteln lässt. Ich vermute aber, dass der Sterbeüberhang
doch dramatisch ist.

Vor uns liegt mit dem Jahr 2011 eine neuerliche Phase der Stellenplanung und der Weiterentwicklung der Grundstandards. Geplant ist eine weitere Reduzierung der Zuweisung im Zeitraum 2013-2016 von 6 %. Unsicher ist, wie sich die Gemeindegliederentwicklung der Landeskirche im Verhältnis zur Wolfsburger Entwicklung verhält. Beim Ephorenkonvent wurde erkennbar, dass diese 6 % Einsparvolumen die einzig seriöse Prognose sind. Wir müssen sehen, was das für uns konkret heißen wird. Die große Unbekannte sind die Überlegungen der Regierungskoalition zu einer großen Steuerreform. Diese halte ich schon im Blick auf den Schuldenstand des Bundes für nicht nachvollziehbar. Die Auswirkungen einer solchen Steuersenkung auf die Kirchensteuer sind absolut dramatisch. Die Vorschläge der FDP würden allein in unserer Landeskirche Mindereinnahmen von 50 Millionen verursachen.
Nachdrücklich bitte ich die Ausschüsse des Kirchenkreistags, an den Grundstandards in den
Handlungsfeldern weiterzuarbeiten. Der große Zeitdruck, der bei der Erstfassung geherrscht
hat, ist nun nicht gegeben. Welche Ziele verfolgen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche?
Wie kann das Profil geschärft werden? Welche Perspektiven für die Entwicklung eines Handlungsfeldes gibt es? Nach wie vor gilt: Wir sind in Wolfsburg handlungsfähig – und wir tun gut daran, an einer Fortentwicklung der kirchlichen Arbeit konsequent zu arbeiten. Denn: der Oberzentrenzuschlag, den wir durch das FAG erhalten, beträgt immerhin ca. 800.000 € - und wir müssen darlegen, was wir mit diesem erheblichen Mitteleinsatz bewirken.
Beispiele der Handlungsfähigkeit sind die Kooperation der Ehe- und Lebensberatunsstelle
mit der Klinikseelsorge und dem Klinikum. Hier wird Menschen mit großer Fachlichkeit Beratung nach einer verunsichernden Diagnose angeboten. Ein weiteres Beispiel ist die sehr gut laufende aufsuchende Elternarbeit am Wohltberg. Frau Zink ist ein Lotse, der Eltern hilft, sich in der sehr ausdifferenzierten Hilfelandschaft Wolfsburgs zu orientieren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Solche Handlungsfähigkeit brauchen wir auch weiterhin, um professionell mit gesellschaftlichen Veränderungen umgehen zu können. Dies ist natürlich umso herausfordernder, als der finanzielle Spielraum kleiner werden wird. Ich bin sehr dankbar, dass es uns in Wolfsburg bisher gelungen ist, das Verhältnis von Kirchengemeinden und Kirchenkreis sorgsam auszutarieren.

Umso bedauerlicher finde ich es, dass die Bitte um die Möglichkeit eines Mailings zu Gunsten
der Familienstiftung in etlichen Gemeinden auf Ablehnung gestoßen ist. Letztlich wird mit
den Mitteln der Familienstiftung eine Arbeit geleistet, die die Arbeit der einzelnen Gemeinde
sinnvoll ergänzt oder dort ansetzt, wo die Einzelgemeinde schlicht überfordert ist. Ich werbe
sehr darum, auch in Zukunft das Miteinander der Ebenen konstruktiv zu gestalten. Miteinander, mal in den einzelnen Gemeinden und mal mit Bündelung der Kräfte auf Kirchenkreisebene leisten wir gute Arbeit. Egoismen der einzelnen Handlungsebenen werden uns schwächen, nicht stärkenl
Wir werden weniger. Dieser Prozess, der wie Sie sahen in erheblichem Maß dem demographischen Wandel geschuldet ist, lässt sich nicht einfach aufhalten, geschweige denn umkehren. Ich weiß, dass viele Menschen in unseren Kirchengemeinden ein sehr ambivalentes Verhältnis zu missionarischen Bemühungen haben. Man möchte nicht aufdringlich sein und auf gar keinen Fall mit der oft rabiaten missionarischen Praxis vergangener Jahrhunderte in Zusammenhang gebracht werden. Gleichwohl gilt: Unsere Volkskirche hat insbesondere hier in Wolfsburg eine missionarische Aufgabe. Die Defizite an schlichtem Wissen um das, was christlicher Glaube ist, sind dramatisch. Die Selbstverständlichkeit von Konfessionslosigkeit erschreckt mich immer wieder neu. Ich finde wichtig, dass wir als Kirchen darauf achten, uns nicht selbst auf das Thema „Wertevermittlung“ zu reduzieren. Es gibt Gott nicht, damit wir Werte haben! Vielmehr sollten wir versuchen, von der großen Hoffnung für unser Leben und der Zukunft, die Gott für uns bereit hält, zu erzählen. Dies ist, und davon bin ich felsenfest überzeugt, eine Aufgabe aller Christenmenschen. Ich halte es für zwingend erforderlich, dass wir das Priestertum aller Gläubigen neu entdecken. Verkündigung oder Einstehen für den Glauben ist Sache eines jedes einzelnen Christenmenschen. Untersuchungen belegen eindeutig: Menschen kommen nicht über die Zeitung oder ein Plakat zur Auseinandersetzung
mit dem Glauben, sondern über die Beziehung zu anderen Menschen. Freunde laden
ein. Ein Mensch ist beeindruckt und nimmt Freunde mit in die Gemeinde. Fragen des Glaubens sind Gesprächsgegenstand am heimischen Tisch mit Freunden oder in der Pause am Arbeitsplatz. Das ist Wahrnehmung eben dieses Priestertums! Die Zuspitzung im pfarramtlichen Dienst ist die öffentliche Wortverkündigung, die aber nur eine Sonderform des allgemeinen Verkündigungsauftrages ist. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, brauchen wir eine intensive Arbeit in den Gemeinden an der Sprachfähigkeit des Glaubens. Ich bitte deshalb insbesondere die Kirchenvorstände, sich nicht nur der Fragen der Gemeindeverwaltung anzunehmen, sondern auch und insbesondere Raum für die Auseinandersetzung mit geistlichen Fragestellungen zu schaffen. Kirchenvorstände können, sollen und müssen geistliche Gremien sein! Einander Anteil zu geben an den eigenen Hoffnungen, Enttäuschungen im Glauben und gemeinsam nach einer Sprache zu suchen, die sich modernen Zeitgenossen erschließt, halte ich für eine wichtige Aufgabe. Denn: Glaube begleitet uns doch durchs Leben, gibt uns Halt und Kraft gerade auch in schwierigen Zeiten. Diese Erfahrung dürfen wir doch unseren Zeitgenossen nicht vorenthalten!
Gerade deshalb ist es wichtig, auch immer wieder neue Formen zu suchen, Menschen Begegnungen mit Gottesdienst, Bibel und Gebet zu ermöglichen. Dies geschieht in Gemeinden genauso wie im Kirchenkreis. Ich bin dankbar, dass viele ehren- und hauptamtlich Verantwortlich in vielen Gemeinden sich kreativ um Angebote mühen, die Menschen am Rande unserer Kirche neugierig machen sollen.
Natürlich haben wir es nicht leicht in der besonderen Eventkultur unserer Stadt. Auf ausgezeichnetem Niveau kann hier fast an jedem Wochenende ausgewählt werden. Deshalb bündeln wir auch Kräfte, um exemplarisch immer wieder auf diesem anspruchsvollen Markt bestehen zu können.
Als Kirchenkreisveranstaltung möchte ich besonders den Reformationsempfang für verantwortliche Persönlichkeiten aus Kirche, Stadt und Wirtschaft hervorheben. In diesem Jahr wird der scheidende Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Herr Reinhold Robbe zu Gast sein und zum Thema „Die Verantwortung der Gesellschaft für den Soldaten im Einsatz" zu uns sprechen. Das ist ein Thema, dessen Aktualität durch die schrecklichen Vorkommnisse der letzten Tage deutlich wird. Ebenso möchte ich Gottesdienstformen nennen, die auch etwas abständige Zeitgenossen einladen: Die Andacht zur Sterbestunde am Karfreitag, die Kantatengottesdienste. Aber eben auch: die „Messe für das Leben“ mit Ephata, die am 29. Mai in der Christuskirche aufgeführt wird oder Kult-Event-Kirche – ein Format, das sich mittlerweile als Marke etabliert hat. Ich habe festgestellt, dass diese Veranstaltungen auch Anknüpfungspunkte hinein in Milieus schaffen, in denen wir nicht automatisch beheimatet sind.
Bitte nehmen doch auch Sie solche Veranstaltungen zum Anlass, gezielt Freunde einzuladen!
Kirche endet nicht an den Grenzen der Ortsgemeinde. Dieses Bewusstsein können wir immer
wieder von unserer katholischen Schwesterkirche lernen. Kontakte zu Gemeinden in
anderen Ländern helfen, die eigene Gemeinde, den eigenen Kirchenkreis in neuem Licht zu
sehen.

Vor einigen Jahren hat der Kirchenkreistag die Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen
zwischen der evangelischen Gemeinde Togliatti und dem Kirchenkreis begrüßt und Mittel für
die Begegnung bereitgestellt. Mit Respekt denken wir insbesondere an Lore Engelkes, die
mit großem Einsatz den Aufbau der Gemeinde in Togliatti gefördert und gefordert hat. Zudem
ist das Gehalt der Pastorin genauso wie die Miete für den Gemeinderaum vom Kirchenkreis
mit Hilfe der Margarethe Schnellecke Stiftung finanziert worden. In der Zwischenzeit
gab es Besuche russischer Gäste genauso wie Besuche von Wolfsburger Christenmenschen
in Togliatti. Nach drei Besuchen dort sehe ich keinen rechten Fortschritt der Zusammenarbeit.
Es gibt einen großen Anspruch an das, was deutsche Institutionen finanzieren sollen –
begonnen beim Bau einer Kirche bis hin zur Pfarrstelle. Leider entspricht dem Anspruch
nicht die Bereitschaft, die nötige Transparenz zu schaffen. So haben wir nicht einmal einen Haushalt sehen können, sondern nur eine Abrechnung des von uns zur Verfügung gestellten
Geldes. Überlegungen, wie eine erkennbare Eigenbeteiligung der Gemeinde aussehen kann,
werden verweigert. Kritische, aber konstruktive Nachfragen werden als unangemessen
wahrgenommen. Problematisch ist das Fehlen jeder kirchlichen Struktur und Leitung. Pastorin Tatjana ist dort allein auf weiter Flur – und zeigt sich nach Eindruck von Herrn Wolf-
Doettinchem, Herrn Surborg und mir auch nach sechs Jahren deutlich überfordert. Eine erkennbare Gemeindeentwicklung ist nicht zu beobachten. Eine von uns gewünschte Kirchenvorstandssitzung während des letzten Besuches kam nicht zu Stande. Deshalb haben wir dem KKV empfohlen, die finanzielle Unterstützung der Gemeinde zum 31.12.2011 einzustellen.
Hilfe durch Freundeskreise, Fördervereine ist weiterhin ja möglich. In solcher Struktur
kann man leichter mit den institutionellen und persönlichen Unzulänglichkeiten in Russland,
die durch keine Struktur kompensiert werden, zurechtkommen als ein Kirchenkreis, der ja
einen sachgerechten Umgang mit Kirchensteuermitteln nachweisen können muss.
Vor zwei Wochen haben fünf Ordinierte aus dem Kirchenkreis die Diözese Bielsko-Bialla
besucht. Interessante Eindrücke haben wir mitgenommen – insbesondere vom diakonischen
Engagement dort und in der schlesischen Diakonie. Leitungspersonen haben es dort verstanden, unternehmerisches Denken und diakonisches Gespür miteinander zu verbinden
und eine gelingende Arbeit zum Wohle des Nächsten zu etablieren. Neu war für mich, dass
es im erzkatholischen Polen eine starke lutherische Kirche rund um Bielsko-Bialla gibt. Der
Besuch stand ab Samstag im Schatten des tragischen Flugzeugabsturzes in Smolensk.
Große Teile der Verantwortungsträger sind umgekommen – und wir haben miterlebt, wie das
Land unter Schock stand. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Kontakte weiter entwickeln werden.

Auch in diesem Berichtszeitraum hat es personelle Veränderungen gegeben. Frau Zimmermann als Leiterin der Fabi ist in die passive Phase der Altersteilzeit getreten. Herr Karsten Thabo Piehl hat diese wichtige Leitungsaufgabe übernommen. Ich sehe mit Freude und Respekt, wie er die notwendigen Veränderungen anpackt und gestaltet. Die Kandidatin des Predigtamtes, Frau Annegret Kröger, ist nach Beendigung der Elternzeit wieder mit einer ¾ Stelle im Kirchenkreis tätig. Sie ist weiter im pastoralen Dienst des Diakonischen Werkes Wolfsburg e. V. beschäftigt und widmet sich außerdem der Projektarbeit im Kirchenkreis mit dem Schwerpunkt des Neubaugebietes in Ehmen und Mörse. Marina Schütt hat die Koordination der Nachmittagsbetreuung in Wolfsburger Grundschulen übernommen, Kerstin Heidbrock ist nach Übernahme der Trägerschaft der evangelischen Kindertagesstätten durch den Kirchenkreis Pädagogische Leitung. Frau Silke Kretzschmar, Diakonin, wurde auf eigenen Wunsch für zwei Jahre im Umfang einer halben Stelle in Jembke beurlaubt und ist bis Herbst 2011 ausschließlich in Weyhausen tätig. Ihre Aufgaben in Jembke nimmt seit Oktober 2009 Frau Rieger wahr. Frau Pastorin Helke Ricker hat nach Beendigung ihrer Elternzeit den Dienst in der Stephanusgemeinde wieder aufgenommen, um sodann zu verkünden, dass sie mitsamt ihrem Mann den Kirchenkreis Wolfsburg im August 2010 verlässt, um in Altencelle ein Pfarramt zu übernehmen. Das Pfarrstellenbesetzungsverfahren für die Stephanus Gemeinde läuft derzeit. Frau Pastorin Sandra Schulz, Stadtkirchengemeinde befindet sich seit kurzem im Mutterschaftsurlaub. Sie beabsichtigt, während der Elternzeit mit eingeschränktem Dienst weiter im Bereich der Jugendarbeit der Stadtkirchengemeinde tätig zu sein. Im Kirchenkreisamt hat Herr Andreas Trelewsky die Leitung des Sachgebietes „Personal“ übernommen. Herr Winter wird zum Jahresende aus dem Dienst ausscheiden.
Sehr dankbar berichte ich Ihnen heute. Manches ist gelungen, manches wird noch gelingen.
Und an manchem werden wir uns die Zähne ausbeißen und scheitern. Gleichwohl: ich arbeite
nach wie vor mit viel Freude und Dankbarkeit im Kirchenkreis Wolfsburg. Mit Dank und
Klage stehe ich – stehen wir – nicht alleine. Aller Dank über die erwachende Natur, die eigenen Lebensumstände, das Geleit durch ein Leben hinweg – im Glauben hat es einen Adressaten:
Gott! Die österliche Freudenzeit, in der wir uns gerade bewegen, spiegelt Freude und
Dankbarkeit wieder. Jubilate heißt der gestrige Sonntag. Neues wird möglich, weil Christus
auferstanden ist. Martin Luther hat einmal gesagt: „Gott hat unser Herz und Gemüt fröhlich
gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns hingegeben hat zur Erlösung von
Sünden, Tod und Teufel. Wer dies mit Ernst glaubt, der kann´s nicht lassen. Er muss fröhlich
und mit Lust davon singen und sagen, damit es auch andere hören und herzukommen.“ Das
ist unsere gemeinsame Aufgabe. Danke, dass wir diese miteinander hier in unserem Kirchenkreis wahrnehmen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Hans-Joachim Lenke, Superintendent
 

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